«Climate Solutions Hub» im ETH-Bereich lanciert: Vielversprechende Klimalösungen schneller zur Anwendung bringen
Dübendorf, 15.10.2026 — Die Klimakrise verlangt nach schnellen und wirkungsvollen Lösungen – doch vielversprechende Klimatechnologien bleiben oft in Pilot- und Demonstrationsprojekten stecken. Was fehlt, ist der Schritt in die breite Umsetzung. Genau hier setzt der neu lancierte «Climate Solutions Hub» (CSH) von Empa und Eawag an: Er untersucht, warum transformative Klimalösungen nicht skalieren und entwickelt gemeinsam mit Partnern aus Forschung, Wirtschaft und öffentlicher Hand Wege, um Hindernisse zu überwinden. Damit gehört der CSH zu den ersten Forschungshubs weltweit, die sich explizit mit der Skalierung innovativer Klimalösungen befassen.

Pilotprojekte mit CO₂-negativen Baustoffen, Technologien zur Wiederverwendung von Wasser oder blau-grünen Infrastrukturen – also miteinander vernetzen urbanen Wasser- und Vegetationsflächen – zeigen, dass immer mehr Lösungen zur Vermeidung von Treibhausgasemissionen oder zur Anpassung an den Klimawandel existieren. Doch zwischen einer technisch einwandfrei funktionierenden Lösung und ihrer breiten Umsetzung in realen Gebäuden, Städten oder Versorgungssystemen liegt ein entscheidender Schritt: die Skalierung. «Diese Umsetzungslücke entsteht selten durch unüberwindbare technische Barrieren», sagt Christian Binz, Co-Leiter des «Climate Solutions Hub» und Gruppenleiter der Gruppe für Nachhaltigkeitstransitionen und Innovationsstudien an der Eawag. «Viel häufiger sind nichttechnologische Barrieren der Grund dafür: regulatorische Hürden, ausbleibende Investitionen, mangelndes Wissen oder fehlende Akzeptanz.»
Wie wichtig das Zusammenspiel dieser Faktoren ist, zeigt das Beispiel einer dezentralen Wasserwiederverwendung im indischen Bengaluru. Forschende der Eawag haben im Projekt «WaterReuseLab» untersucht, wie dezentrale Wasserwiederverwendung in der von Wasserknappheit betroffenen Metropole skaliert werden kann. Neben der Technologie standen auch Nutzerakzeptanz, rechtliche Rahmenbedingungen und tragfähige Geschäftsmodelle im Fokus. Das Ergebnis: Neben einer kostengünstigen, robusten und bedienungsfreundlichen Technologie konnten zusammen mit lokalen Partnerorganisationen ein neues Gesetz eingeführt und innovative Geschäftsmodelle entwickelt werden. Diese schufen einen lokalen Markt für das aufbereitete Abwasser. Das «WaterReuseLab» hat damit zu einem tiefgreifenden Umdenken bei der dezentralen Wiederverwendung von Abwasser in Bengaluru beigetragen und die Voraussetzungen für eine grossflächige Umsetzung entsprechender Technologien geschaffen – weit über die Stadt Bengaluru hinaus.
«Skalierung ist kein linearer Schritt von ‹klein› zu ‹gross›, sondern ein komplexer Transformationsprozess», erklärt Peter Richner, Co-Leiter des «Climate Solutions Hub und Empa-Forscher». «Eine Technologie muss in bestehende Infrastrukturen, Märkte, Institutionen und gesellschaftliche Praktiken integriert werden können. Welche Faktoren dabei entscheidend sind, hängt von der jeweiligen Lösung und ihrem Kontext ab.»

Von der einzelnen Innovation zu einer Vorlage für die Skalierung
Damit vielversprechende Klimalösungen den Sprung in die breite Anwendung schaffen, verbindet der CSH als neue Struktur innerhalb des ETH-Bereichs drei Säulen: Technologieentwicklung, Demonstratoren und «Living Labs» sowie die Einbindung der Sozialwissenschaften. Herzstück ist die «Innovation Scaling Platform». Sie untersucht Skalierungsbarrieren aus einer integrierten sozio-technischen Perspektive und fokussiert auf Klimalösungen aus dem ETH-Bereich, die in Pilotanwendungen bereits validiert sind, sich aber noch nicht breit durchgesetzt haben. Gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis werden Projekte entwickelt, die konkrete Skalierungsbarrieren adressieren.
Ein wichtiger Bestandteil sind Demonstratoren und «Living Labs». Dort können Innovationen gemeinsam mit künftigen Anwenderinnen und Anwendern unter realen Bedingungen erprobt werden, um konkrete Skalierungsbarrieren zu identifizieren und gemeinsam mit der Forschung zu lösen. Dazu gehören unter anderem NEST und PATH von Empa und Eawag, der «WaterHub» sowie urbane Testumgebungen in der Schweiz und in Bengaluru.
Die Erkenntnisse aus den einzelnen Projekten sollen über den konkreten Anwendungsfall hinaus nutzbar werden. Der Hub entwickelt daraus sogenannte «Scaling Templates» – praxisorientierte Leitfäden mit Strategien und konkreten Tools, um die Verbreitung einer Lösung zu unterstützen. Gleichzeitig werden Akteurskoalitionen aufgebaut und gestärkt, die den Skalierungsprozess langfristig unterstützen und vorantreiben.
Klimapositive Infrastrukturlösungen als grosser Hebel
In einer ersten Phase konzentriert sich der «Climate Solutions Hub» auf klimapositive Infrastrukturen – einen Bereich mit besonders grossem Hebel für Klimaschutz und Klimaanpassung. Im Fokus stehen drei Handlungsfelder: CO₂-optimiertes Bauen, zirkuläre Wasser- und Sanitärlösungen sowie blau-grüne Infrastrukturen.
Im Bausektor untersucht der Hub etwa, wie ein CO₂-negativer Beton, Net Zero-Strassen oder klimaverträgliche Brücken vom Pilotprojekt zu einem etablierten Bestandteil der gebauten Umwelt werden können. Im Bereich Wasser und Sanitärversorgung geht es unter anderem darum, Wasser innerhalb von Gebäuden wiederzuverwenden oder menschlichen Urin in einen hochwertigen Dünger zu verwandeln. Und bei den blau-grünen Infrastrukturen steht die Anpassung von Städten an Hitze, Trockenheit und sintflutartigem Regen im Zentrum. Das Portfolio soll in den kommenden Jahren kontinuierlich erweitert werden.
Informationen
Dr. Peter Richner
Empa, Netto-Null-Bauen / Ingenieurwissenschaften
Tel. +41 58 765 41 40
peter.richner@empa.ch
Dr. Christian Binz
Eawag, Umweltsozialwissenschaften
Tel. +41 58 765 50 30
christian.binz@eawag.ch