«Der Soldat der Zukunft bleibt Bürger in Uniform»
Lugano, 13.10.2026 — Rede von Bundesrat Martin Pfister, Chef des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), anlässlich der ARMSI-Tagung. Lugano, Dienstag, 13. Oktober 2026.
Es gilt das gesprochene Wort
Stimate autorità,
illustri rappresentanti del mondo politico, economico, militare e della società civile,
gentili signore e signori,
Ich freue mich sehr, heute hier in Lugano bei Ihnen zu sein.
Wer aus der Deutschschweiz ins Tessin fährt, sagt gerne, er fahre «auf die andere Seite des Gotthards». Hier in Lugano sollte man vielleicht daran erinnern: Von hier aus gesehen sind wir in Bern natürlich auf der anderen Seite.
Ich möchte Ihnen versichern – nicht nur als Zuger, sondern auch als Bundesrat: Für mich ist der Gotthard keine Barriere zwischen Nord und Süd. Er verbindet zwei Arten, schweizerisch zu sein.
Der Tessiner Schriftsteller Francesco Chiesa hat dafür ein schönes Bild gefunden. Er sprach von der Schweiz als der «famiglia confederata», von der eidgenössischen Familie.
Jede Familie lebt davon, dass ihre Mitglieder verschieden sind und eben trotzdem zusammengehören. So verhält es sich auch mit der Schweiz. Jeder Landesteil hat sich seine Eigenheiten und seine Sicht auf die Welt bewahrt. Und diese verschiedenen Lebens-Realitäten treffen aufeinander, wenn wir gemeinsam über die Zukunft unseres Landes entscheiden. Das Tessin bringt dabei seine Sprache, Kultur und Landschaft auf ganz eigene Weise ein.
Wenn wir uns heute hier treffen, um über den «Soldat der Zukunft» zu sprechen, tun wir dies an einem Ort, dessen Geschichte uns viel über Sicherheit erzählen kann. Das Tessin wurde bereits von napoleonischen Truppen besetzt, von Grenzblockaden und Vergeltungsmassnahmen Österreichs getroffen, und im Zweiten Weltkrieg verletzte das faschistische Italien wiederholt seine Hoheitsrechte.
Wer hier lebt, weiss deshalb vielleicht etwas unmittelbarer als andere, dass demokratische Werte, Frieden und Sicherheit keine Selbstverständlichkeit sind.
Damit bin ich mitten im Thema.
Wenn wir über die Zukunft unserer Armee sprechen, dann sprechen wir meist über Fähigkeiten und Systeme, über Beschaffungen und selbstverständlich über die Finanzierung.
Angesichts des Titels der Veranstaltung möchte ich die Perspektive für einmal umkehren. Beginnen wir bei den Soldatinnen und Soldaten.
Welche Armee müssen wir ihnen zur Verfügung stellen, damit sie unser Land verteidigen können?
Lassen Sie mich dazu drei Punkte beleuchten.
Erstens: Der Soldat der Zukunft kämpft in einer anderen Welt.
Was sieht ein Soldat, der heute in der Kaserne auf dem Monte Ceneri die Nachrichten liest? Er sieht einen Krieg in Europa. Er sieht, wie Drohnen für wenige tausend Franken Systeme bedrohen können, die ein Vielfaches kosten. Er sieht Cyberangriffe, Desinformation und Sabotage. Er sieht, dass militärische Auseinandersetzungen längst nicht mehr dort beginnen, wo zwei Armeen auf einem Schlachtfeld aufeinandertreffen. Und da sieht er fast alles, was in der Realität geschieht. Er kann heute fast live in den Schützengraben der ukrainischen Kameraden sehen.
Angriffe können aus grosser Distanz erfolgen: gegen militärische Ziele, wie Soldaten in Unterkünften, Stellungen oder Fahrzeugen. Aber auch gegen die Energieversorgung, Kommunikation und andere kritische Infrastrukturen.
Demgegenüber leistet dieser Schweizer Soldat Dienst in einer Armee, die zwar sehr gut ausbildet. Aber sie verfügt in ihrer heutigen Ausgestaltung nicht über die nötigen Mittel, um die Schweiz gegen die wahrscheinlichsten Bedrohungen zu schützen und einen grossen Teil ihrer Armeeangehörigen zeitgemäss auszurüsten. Das alles sehen und merken unsere Soldatinnen und Soldaten.
Was braucht ein Soldat im Jahr 2026? Er braucht eine funktionierende Führung und Kommunikation. Er braucht die richtigen Technologien und den Schutz, um sich auf dem modernen Schlachtfeld, wo Drohnen ihn entdecken können oder die Kommunikation gestört werden kann, ausgerüstet zu sein.
Deshalb haben wir gehandelt. Der Bundesrat hat im Juni die Leitlinien für die Verteidigung und die Rüstungsplanung verabschiedet. Mit diesen Leitlinien richten wir die Armee auf die Verteidigungsfähigkeit aus.
Wir wollen die Schweiz gegen die wahrscheinlichsten Bedrohungen verteidigen können. Das sind Angriffe aus der Luft und Sabotage, Spionage, Cyberattacken und Desinformation. Und wir entwickeln die Einsatzkonzeption weiter, verschlanken die Führungsstrukturen und setzen einen Schwerpunkt bei Drohnen und Robotik.
Doch Sicherheit ist nicht allein Aufgabe der Armee. Auch die Kantone und zivile Bundesämter mit Sicherheitsaufgaben tragen dazu bei. Die Sicherheitspolitische Strategie des Bundesrates führt diese verschiedenen Stellen zusammen und schafft einen gemeinsamen Rahmen für die Sicherheit der Schweiz.
Damit komme ich zu meinem zweiten Punkt: Der Soldat der Zukunft ist auch ein Technologieträger
Drohnen und Robotik revolutionieren die Art, wie Konflikte und Krieg geführt werden. Deshalb arbeite ich entschlossen daran, neue Fähigkeiten aufzubauen. Das VBS schafft ein Kompetenzzentrum für Drohnen und Robotik. Dort arbeiten die Truppe, armasuisse, Wissenschaft, Start-ups und Industrie enger zusammen. Sie entwickeln schneller Technologien, erproben sie und integrieren sie in die Truppe. Dazu kommt eine eigene Drohnen-Rekrutenschule und 2028 ein Drohnenbataillon.
Gerade hier zeigt sich eine der grossen Chancen unseres Milizsystems. Wir wollen die Kompetenzen der jungen Menschen abholen. Die Armee arbeitet an vielen spannenden Projekten. Wir haben seit 2018 eine Cyber-Rekrutenschule. Ab 2027 wird es eine Drohnen-Rekrutenschule geben.
Kürzlich habe ich zwei ETH-Studenten getroffen, die Mathematik und Astrophysik studieren und jetzt Absolventen der ersten Weltraum-Rekrutenschule sind. Sie bringen ihr Wissen in die Armee, und sind entsprechend motiviert.
Ich komme zu meinem dritten Punkt: Der Soldat der Zukunft bleibt Bürger in Uniform.
In einer Demokratie sind die Bürgerinnen und Bürger urteilsfähig. Das bleiben sie auch, wenn sie zum Dienst einrücken. Unsere Armeeangehörigen bringen deshalb etwas mit, das für jede grosse Organisation mitunter unbequem sein kann: Sie bringen Fragen mit. Das ist gut so.
Der Milizsoldat passt zur Schweiz. Er denkt mit und will verstehen, wofür er seinen Dienst leistet. Wenn die Armee ihn nicht überzeugt, kommt er vielleicht irgendwann nicht mehr. Das macht das Milizsystem anspruchsvoll. Aber auch sehr demokratisch.
Mir ist es wichtig, dass wir über den Zustand, die Finanzierung und die Zukunft unserer Armee offen und engagiert diskutieren. Das ist keine Schwäche unseres Systems. Das ist ein Zeichen einer funktionierenden Demokratie.
Auch in der Armee soll diskutiert werden; aber wenn der Entscheid gefallen ist, muss er akzeptiert werden, und wir gehen zusammen vorwärts.
Es ist eine meiner wichtigsten Aufgaben, Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu stärken. Mir ist bewusst: Vertrauen entsteht nicht, wenn man in diesen Tagen die Zeitung aufschlägt und vor allem darüber liest, was nicht funktioniert.
Wo Vertrauen beschädigt wurde, müssen wir es wiederherstellen. Wir müssen die richtigen Lehren ziehen. Das ist meine Verantwortung als Chef des VBS. Ich kann dafür sorgen, dass genau hingeschaut wird, dass Berichte und Verträge sorgfältig geprüft werden – und dass aus Erkenntnissen Konsequenzen folgen.
Es ist aber auch Aufgabe der Politik und Medien, sachlich zu bleiben. Realitätsfremde Polemik und Übertreibungen sind schädlich. Ich kann an dieser Stelle klar feststellen, dass im VBS und insbesondere in den Beschaffungen vieles sehr gut läuft.
Was ich nicht ändern kann, ist die Bedrohungslage. Sie bleibt ernst. Bei der Aufarbeitung der Vergangenheit dürfen wir nicht den Blick für die Zukunft verlieren. Ich möchte daran erinnern:
- Ohne zusätzliche finanzielle Mittel können wir die Armee nicht verteidigungsfähig machen. Das heisst, wir können die Schweiz, ihre Bevölkerung und ihre kritischen Infrastrukturen nicht angemessen schützen. Wie diese Mittel finanziert werden sollen, wird derzeit im Parlament diskutiert.
Der Vorschlag des Ständerats sieht eine moderate Erhöhung der Mehrwertsteuer vor. Ich bin mir bewusst, dass dies Sie als Bürgerinnen und Bürger unmittelbar betrifft. Aber wenn wir der sicherheitspolitischen Lage etwas entgegensetzen wollen, müssen wir diese Mittel bereitstellen. Es geht darum, im Ernstfall handlungsfähig zu sein. In diesem Sinne verstehe ich es als Sicherheitsbeitrag. - Zudem stimmen wir am 29. November über das Kriegsmaterialgesetz ab. Die Schweiz braucht eine starke Rüstungsindustrie: Für die Versorgung der Armee und damit wir eigene Beiträge in Rüstungskooperationen einbringen können. Unsere Rüstungsindustrie ist für ihr wirtschaftliches Überleben zwingend auf Exporte angewiesen. Das ist mit den heutigen strengen Vorgaben nur beschränkt möglich. Die Revision des Kriegsmaterialgesetzes würde die Rahmenbedingungen für Exporte deutlich verbessern. Bei einem Nein besteht die Gefahr, dass unsere Abhängigkeit von Rüstungsgütern aus dem Ausland weiter zunimmt.
Meine Damen und Herren
Dienst in unserer Armee ist gleichzeitig Dienst an unserem Land. Ich danke allen Anwesenden, die in unserer Armee einen Beitrag leisten. Und ich danke ebenso den Unternehmen, die in Kauf nehmen, dass diese Mitarbeitenden während dieser Zeit abwesend sind.
Ich habe zu Beginn Francesco Chiesa zitiert. Er sprach von der Schweiz als der «famiglia confederata», der eidgenössischen Familie. Chiesas famiglia confederata ist für mich auch der Kern dessen, was wir verteidigen wollen.
Und unsere Milizarmee beschreibt, wie wir es tun: als Bürgerinnen und Bürger füreinander.
Das ist kein Gedanke von gestern, sondern einer für die Zukunft.
Vielen Dank.